Ein heller Wohnraum mit wenigen Möbeln, einer sichtbar reparierten Stelle und Tageslicht, das quer über den Boden fällt.
Foto: Tobias Reindl

Unser Küchentisch ist 1,90 Meter lang und steht in einem Raum, der 2,45 Meter breit ist. An der Fensterseite bleibt ein Durchgang von ungefähr 60 Zentimetern, an der anderen Seite streift man mit der Hüfte am Heizkörper entlang. Jeder Besuch sagt irgendwann denselben Satz: „Der ist aber lang.“ Meine Frau sucht seit zwei Jahren abends nach kürzeren Tischen, mit einer Ernsthaftigkeit, die ich respektiere. Der Tisch steht noch da.

Was ihn hält, ist keine Sentimentalität, sondern eine Rechnung. Ein Tisch von 1,90 Metern passt nicht in einen Raum von 2,45 Metern, wenn man ihn als Möbelstück betrachtet. Betrachtet man ihn als Fläche, passt er sehr gut: sechs Personen an einem Abend, vier bei den Hausaufgaben, zwei, wenn ich um sechs Uhr morgens allein daran sitze und die Zeitung auseinanderlege. Der Tisch ist zu groß für das Zimmer und zu klein für das, was an ihm passiert. Beides gleichzeitig.

Ein langer Holztisch in einem schmalen Raum, an der Wand eine Bank, auf der Platte eine Schale und ein gefaltetes Tuch; das Tageslicht fällt von links auf die Dielen.
Ein langer Holztisch in einem schmalen Raum, an der Wand eine Bank, auf der Platte eine Schale und ein gefaltetes Tuch; das Tageslicht fällt von links auf die Dielen.Foto: Lene Brandhoff

Ich habe den Tisch vor einigen Jahren umgedreht, weil eine Schraube der Zarge locker war. Auf der Unterseite steht in Bleistift „Küche, 1,90“, daneben in anderer Schrift ein Datum von 1974 und die Initialen eines Schreiners, der in derselben Werkstatt gelernt hat wie mein Vater. Zwei Generationen, zwei Handschriften, ein Möbelstück. So etwas lässt sich nicht nachkaufen.

Ein Zimmer verändert sich zuerst durch das Licht, und das Licht verändert sich ohne Zutun. Im Dezember erreicht die Sonne gerade noch die Anrichte, im Juni liegt sie um halb acht abends auf der Wand über der Bank. Wer diese zwei Stunden nicht im Raum erlebt, richtet ihn für ein Foto ein und nicht für einen Tag. Bei uns hängt der Spiegel deshalb nicht über dem Tisch, sondern seitlich, wo er im Winter das Licht weiterwirft. Das hat nichts gekostet und den Raum verändert.

Die zweite Veränderung ist ein Gegenstand, der den Platz wechselt. Bei uns ist das ein Hocker. Er stand zwei Jahre in der Küche, dann im Flur, weil man dort Schuhe anzieht, und seit dem Frühjahr im Bad, weil jemand beim Zähneputzen sitzen will. Gekauft wurde nichts, und der Raum ist trotzdem ein anderer geworden. Bewegungsflächen sind die unsichtbaren Wände einer Wohnung: 60 Zentimeter, um an einem Sitzenden vorbeizukommen, 90, wenn man etwas trägt. Wer das einmal gemessen hat, plant anders.

Über Blickachsen und Stauraum wird am wenigsten gesprochen, dabei entscheiden sie den Alltag. Vom Schreibtisch aus sehe ich die Wäschespinne im Hof, wenn ich mich umdrehe, und die offene Küche, wenn ich nach links schaue. Zwei Jahre lang habe ich das für ein Platzproblem gehalten. Es war ein Blickproblem, und ein Regal an der richtigen Seite hat mehr verändert als jeder Aufräumversuch. Stauraum ist ohnehin keine Frage der Menge, sondern der Wege: Ein Fach, in das man etwas im Stehen legt, wird benutzt. Eines, für das man sich bücken und einen Deckel öffnen muss, füllt sich mit dem, was niemand mehr braucht.

Vor zwei Jahren ist die Laufschiene der obersten Küchenschublade gebrochen. Der Schreiner, bei dem ich sie bestellt habe, hat sie nicht bestellt, sondern aus einem Rest Esche gefräst. „Plastik hält länger“, hat er gesagt, „aber nicht hier.“ Die Schiene sitzt, die Schublade läuft, und man sieht die Reparatur nur, wenn man sich bückt.

Nahaufnahme einer geöffneten Schublade: unter der Zarge eine neue hölzerne Laufschiene, daneben alte Schraublöcher und feine Holzspäne.
Nahaufnahme einer geöffneten Schublade: unter der Zarge eine neue hölzerne Laufschiene, daneben alte Schraublöcher und feine Holzspäne.Foto: Ines Kaltwasser

An dieser Stelle beginnt das, was ich nicht dem Geschmack überlassen würde. Lacke, Leime und Holzwerkstoffplatten geben Stoffe an die Raumluft ab, und wie Emissionen, Exposition und Richtwerte auseinanderzuhalten sind, ist eine eigene Frage mit eigener Fachsprache. Für ein Zimmer, das bleiben darf, folgt daraus nur eine Gewohnheit: ergänzen statt austauschen, und beim Ergänzen auf geruchsarme Materialien achten.

Seit dem 31. Juli 2026 gilt in Deutschland nach Angaben des Umweltbundesamts die europäische Richtlinie zur Förderung der Reparatur von Waren. Das Amt zählt auf, für welche Produkte Hersteller auch nach der Gewährleistung eine Reparatur anbieten müssen: Mobiltelefone, Waschmaschinen, Geschirrspüler, Kühlgeräte, Staubsauger, elektronische Displays. Möbel stehen nicht auf dieser Liste. Für den wackelnden Stuhl und die klemmende Schublade gibt es kein europäisches Recht, sondern einen Handwerksbetrieb und die Frage, ob man ihn bezahlt. Immerhin weist das Umweltbundesamt darauf hin, dass sich die zweijährige Gewährleistungsfrist um zwölf Monate verlängert, wenn innerhalb der ersten zwei Jahre repariert statt ersetzt wird. Das ist eine Fußnote, die man kennen sollte, bevor man ein Möbelstück an die Straße stellt.

Unsere Küchenstühle sind zusammengesucht: zwei Bugholzstühle vom Flohmarkt, eine Bank, ein Polsterstuhl mit Armlehnen. Einer der Bugholzstühle hatte einen Riss im Sitzrahmen; ich habe ihn mit Leim und einer Schraubzwinge zwei Tage stehen lassen. Dass ein Stuhl aus wenigen gebogenen Teilen besteht, die sich nachziehen lassen, ist keine Designfrage, sondern der Grund, warum er zwei Umzüge überlebt hat.

Im Winter war ich nach einer Operation zwei Wochen zu Hause. In diesen zwei Wochen habe ich unser Wohnzimmer neu gesehen: Das Sofa ist zu tief, um ohne Hilfe aufzustehen, das Ladekabel liegt auf der falschen Seite, und der Weg ins Bad führt nachts an einer Steckdosenleiste vorbei. Nichts davon war mir vorher aufgefallen, weil ich nie länger als einen Abend dort war. Ein Zimmer zeigt, was es kann, wenn jemand darauf angewiesen ist. Was gute Nachsorge ausmacht, endet nicht an der Wohnungstür; sie beginnt dort. Bei dauerhaftem Unterstützungsbedarf verändert sich der Raum noch einmal: Unsere Erfahrung mit häuslicher Betreuung erzählt, was eine neue Person im Alltag und im Zuhause bedeutet.

Der Küchentisch ist ein eigenes Kapitel. Ein Essplatz trägt viele Abende, wenn Licht, Abstand und Sitzplätze stimmen, und daran arbeiten wir seit Jahren, ohne dass es je abgeschlossen wäre.

Im Flur ist ein helleres Rechteck an der Wand, wo acht Jahre lang ein Bild hing. Wir haben das Bild im Frühjahr einen Meter weiter gehängt. Das Rechteck bleibt erst einmal, weil ich sehen will, wie lange es braucht, bis es verschwindet. Ein Zimmer, das bleiben darf, hat solche Stellen. Man kann sie überstreichen. Man kann sie auch als Protokoll lesen: Hier hat etwas gehangen, hier hat jemand gewohnt, und die Wand erinnert sich länger als der Anlass.

Quellen und Nachweise

  • Umweltbundesamt: Durch Reparaturen Umwelt schützen und Geld sparenUmweltbundesamt. Abgerufen am 04.09.2026.Belegt, dass die europäische Reparaturrichtlinie nach Darstellung des UBA seit dem 31. Juli 2026 in Deutschland gilt, für welche Produktgruppen Hersteller Reparaturen anbieten müssen und wie sich die Gewährleistungsfrist bei einer Reparatur verlängert. Möbel gehören nicht zu diesen Produktgruppen.
  • Umweltbundesamt: Umweltfreundliche MöbelUmweltbundesamt. Abgerufen am 04.09.2026.Seitenstand 20. Januar 2026. Nennt Pflege, Reparatur, Weitergabe und Secondhand-Nutzung als Umgang mit vorhandenen Möbeln und empfiehlt geruchsarme, schadstoffarme Einrichtung. Keine Aussage über einzelne Hersteller.
  • Umweltbundesamt: Gesund und umweltfreundlich einrichtenUmweltbundesamt. Abgerufen am 04.09.2026.Ratgeber, 2. aktualisierte Auflage 2024. Erklärt, dass Möbel und Einrichtungsgegenstände wegen ihrer Oberfläche und Materialien eine wesentliche Quelle für die Belastung der Innenraumluft sein können. Die Publikationsseite führt daneben das Erscheinungsjahr November 2015.
  • Umweltbundesamt: Produkte länger nutzenUmweltbundesamt. Abgerufen am 04.09.2026.Seitenstand 27. Juli 2026. Begründet, warum eine möglichst lange Nutzung aus Umweltsicht fast immer günstiger ist als ein Neukauf, und nennt Ausnahmen bei sehr alten, intensiv genutzten Großgeräten.