Autor

Clara Römhild

Redaktion Beauty & Mode und Kultur

Schneiderin, Kurzzeit-Kunstvermittlerin und seit Jahren schwer damit beschäftigt, einen Mantel richtig zu beurteilen.

Ort
Berlin
Rubriken
Beauty & Mode, Kultur
Beiträge
12
Eine Frau um vierzig steht an einer Kalkwand und wendet den Blick zum Fenster. Ein Ärmel ist hochgeschoben.

Angefangen hat es mit einem Kragen. Ich war neunzehn und in München in der Lehre bei einer Maßschneiderin, die ihre Kundschaft duzte und ihre Lehrlinge nicht. In der dritten Woche sollte ich einen Wollmantel wenden und die Kragennaht von innen kontrollieren. Ich habe nichts gefunden, weil ich nicht wusste, wonach ich suchte. Sie hat mir den Mantel aus der Hand genommen, den Kragen aufgeschlagen und gesagt: „Da. Der Steg ist zu schmal. In zwei Jahren rollt er sich.“ Sie hatte recht. Ich habe den Mantel nie wieder gesehen, aber die Stelle erkenne ich bis heute in einer halben Sekunde.

Nach dem Gesellenbrief habe ich zwei Jahre in einer Weberei im Allgäu gearbeitet, weil ich wissen wollte, was mit dem Stoff passiert, bevor er auf dem Tisch liegt. Danach Kunstgeschichte und Literaturwissenschaft in Wien, was mir beigebracht hat, dass man ein Bild nicht erklären muss, um es zu beschreiben. Seitdem versuche ich, beides zusammenzuhalten: das Handwerk, das man anfassen kann, und die Sprache, die darüber oft zu viel behauptet.

Ich habe vier Jahre in einem Museum für angewandte Kunst gearbeitet, erst als Assistentin der Sammlungsleitung, dann in der Vermittlung. Dort habe ich gelernt, was ein Wandtext anrichten kann. Ein guter Satz öffnet den Blick, ein schlechter nimmt ihn vorweg, und beide sehen auf dem Papier ähnlich aus. Diese Erfahrung ist der Grund, warum ich heute über Ausstellungstexte schreibe und nicht über Ausstellungen.

Bei Kosmetik hat mich früh irritiert, wie selbstverständlich dort von Wirksamkeit die Rede ist. Ein Tiegel darf viel versprechen, und ein Etikett darf viel auflisten, aber eine Zutatenliste ist keine Rangfolge von gut und schlecht. Wer Kosmetik beurteilen will, muss Sicherheit, Kennzeichnung, Verträglichkeit und Wirkung auseinanderhalten. Das ist weniger aufregend als ein Vorher-Nachher-Bild und deutlich nützlicher.

Ich lebe in Berlin-Neukölln in einer Wohnung mit hohen Decken und schlechten Fenstern. In meiner Küche steht eine Nähmaschine, die ich öfter benutze als den Backofen. Ich flicke Kleidung, solange es vertretbar ist, und ich trage Dinge weiter, die andere aussortieren würden. Das ist keine Haltung, sondern eine Gewohnheit aus der Lehre: Man wirft nichts weg, was sich reparieren lässt, und man repariert nichts, was nicht mehr passt.

Für Schmidt und Römhild schreibe ich über Haut, Kleidung, Material, Bilder und Bücher. Ich beschreibe gern Details, weil Details überprüfbar sind. Eine Naht, eine Faser, ein Falz, ein Rand, an dem jemand mit Bleistift etwas notiert hat. Von dort aus kommt man fast immer zu einer größeren Frage, ohne sie bemühen zu müssen.

Wenn ich etwas nicht beurteilen kann, schreibe ich das. Bei einem Medikament wäre ich die falsche Person. Bei einem Futter, einer Emulsion oder einem Ausstellungstext bin ich es nicht.

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