Ein gefaltetes graues Strickstück liegt neben einer Stopfnadel und einem Wollfaden auf einem Holztisch.
Foto: Marlene Voß

In meiner Küche steht ein Korb, in dem die Dinge auf eine halbe Stunde Arbeit warten: ein Wollpullover mit einem Loch am Ellbogen, ein Hemd ohne zweiten Knopf, eine Socke, die an der Ferse dünn wird. Der Korb ist keine Haltung. Er ist die Gewohnheit aus der Lehre. Man wirft nichts weg, was sich reparieren lässt, und man repariert nichts, was nicht mehr passt.

Was das Etikett nicht sagt

Die Faserzusammensetzung muss auf dem Etikett stehen. Das verlangt die europäische Textilkennzeichnungsverordnung, ergänzt durch das deutsche Textilkennzeichnungsgesetz, das die Überwachung regelt. Die Pflegehinweise dagegen sind in Deutschland freiwillig, in einigen anderen europäischen Ländern sind sie vorgeschrieben. Die Symbole selbst sind markenrechtlich geschützt und werden über Lizenzen der GINETEX vergeben. Fehlt ein Symbol, heißt das also nicht, dass der Stoff alles verträgt; es heißt, dass niemand es aufgedruckt hat. Und der Waschbottich mit der Zahl nennt eine Temperatur, bis zu der gewaschen werden darf, nicht die Temperatur, die einem Stoff guttut.

Was auf dem Etikett fehlt, ist die Haltbarkeit. Das Umweltbundesamt hat in einer Studie zusammentragen lassen, wie es um Langlebigkeit und Nutzungsdauer von Bekleidung steht, und kommt zu einem unbequemen Befund: Qualität und Langlebigkeit sind im Bekleidungsbereich nicht einheitlich definiert. Je nach Produkt und Anbieter können die Begriffe Verschiedenes bedeuten. Gängige Umwelt- und Sozialsiegel lassen keine sicheren Rückschlüsse auf die Haltbarkeit zu. Eindeutige Daten, dass Kleidung in den letzten Jahrzehnten schlechter geworden wäre, gibt es nicht, wohl aber Hinweise: steigende Produktionsmengen, Geschäftsmodelle mit schnellem Austausch und Berichte aus der Recyclingwirtschaft über sinkende Qualität der Sammelware. Wer ein Kleidungsstück beurteilen will, steht damit vor derselben Aufgabe wie bei einem Mantel, dessen Innenleben mehr erzählt als sein Etikett: Futter, Naht und Kragen lassen sich ansehen, eine Materialangabe nicht.

Praktisch bleibt die Empfehlung des Umweltbundesamts deshalb nah am Stoff: beim Kauf prüfen, ob die Nähte halten und ob das Gewebe für den Einsatzzweck fest genug ist. Das ist eine Handlungsempfehlung und keine Messung, aber sie lässt sich in einer Minute erledigen. Ich ziehe an einer Naht, schaue auf die Stellen, die beim Sitzen ziehen, und klappe den Saum um, weil dort die Zugabe liegt.

Was eine Reparatur leistet

Gestricktes lässt sich mit dem Maschenstich schließen, ohne dass ein Knoten entsteht. Ein dünn gewordenes Ellbogenteil wird gestopft, das heißt mit feinen Fäden in der Richtung des Gewebes nachgewebt, bis die Stelle wieder trägt. Ein Reißverschluss ist in einer halben Stunde ersetzt, ein Knopf mit einem kurzen Stiel angenäht, damit er über der Knopflochkante liegt. Ein Futter auszutauschen ist die aufwendigste kleine Arbeit, die ich kenne, und die einzige, bei der ich eine Schneiderin bezahle. Kleidung lässt sich außerdem ändern: Ärmel kürzen, eine Naht enger nehmen oder den abgetrennten Stoff als Taschenfutter weiterverwenden.

Nicht alles lässt sich retten. Ein Stoff, der an der Bruchkante dünn geworden ist, hält keine neue Naht mehr. Ein Kleidungsstück, das nicht mehr passt, wird durch Flicken nicht passender. Und eine Reparatur, die mehr Aufmerksamkeit kostet als das Stück je zurückgibt, darf man lassen. Das Umweltbundesamt beschreibt eine längere Nutzung als wichtigen Hebel für den Textilsektor. Es belegt damit nicht, dass jede einzelne Reparatur ökologisch besser ist als ein Neukauf. Wer flickt, tut das zuerst für sich, und das ist Grund genug.

Dieselbe Frage stellt sich im Zimmer. Ein Stuhl, der wackelt, braucht eine Schraube und keine Neuanschaffung, und wie sich ein Raum verändern lässt, ohne bei jeder Idee alles auszutauschen, ist die Einrichtung gewordene Form dieses Gedankens. Auch der Vergleich mit einem Möbelstück aus gebogenem Holz trägt: beim Bugholzstuhl wurde die Konstruktion aus der Benutzung entwickelt, und genau daran entscheidet sich, ob etwas nach zehn Jahren noch funktioniert.

Waschen ist ebenfalls eine Entscheidung und keine Routine. Wolle trage ich lange zwischen zwei Wäschen und hänge sie aus; Leinen darf heiß, Baumwolle verträgt mehr, als viele annehmen, Viskose verzeiht im nassen Zustand fast nichts. Das sind Erfahrungen mit meiner eigenen Wäsche und keine Anleitung für fremde Schränke. Wer sich unsicher ist, hat auf dem Etikett eine Grenze und im Zweifel die Möglichkeit, weniger zu tun, statt mehr.

Stricken tut Hängen nicht gut. Ein Pullover kommt bei mir gefaltet ins Regal, seit ich einen wollenen an einem Bügel vergessen und im Frühjahr mit zwei Zipfeln an den Schultern wiedergefunden habe. Wolle lüfte ich, bevor ich sie wasche, und ich lege sie in einen dichten Beutel, weil ich einmal ein Loch im Ärmel fand, das niemand getragen hatte. Pilling an den Stellen, an denen sich der Stoff reibt, ist für mich kein Grund auszusortieren. Ich ziehe die Knötchen mit einer weichen Bürste in eine Richtung, statt sie abzuschneiden.

Ändern ist die zweite Möglichkeit neben dem Flicken, und sie wird unterschätzt. Eine Jacke, die an der Schulter zu weit sitzt, lässt sich an der Seitennaht und am Ärmel anpassen. Eine Hose, die am Bund nicht mehr hält, kann enger genommen werden, solange die Zugabe es hergibt. Was nicht geht, ist die Verwandlung: Durch Umarbeiten wird aus einem Kleidungsstück kein anderes. Ich habe eine Zeit lang an einem offenen Nähabend in der Nachbarschaft gesessen. Die meisten Fragen dort waren keine Nähfragen, sondern Entscheidungen, und die dauerten länger als die Arbeit.

Ein geflicktes Hemd trägt sich anders, und wer am Tisch sitzt, sieht die Stelle manchmal. Was einen Essplatz über die Jahre gastlich macht, hängt an Gebrauch und nicht an Neuheit; eine Tischdecke mit einem Flicken erzählt mehr über die Abende an diesem Tisch als ein frisch gekaufter Satz.

Neulich hat jemand auf den Ärmel meines Hemdes gezeigt und gefragt, ob das Absicht sei. Ich habe ja gesagt, und dann haben wir über etwas anderes geredet. Die Stelle hält seit drei Jahren, und sie ist mir lieber als jedes neue Hemd, das ich stattdessen kaufen könnte.

Eine Stopfstelle an einem grauen Strickärmel in Nahaufnahme, daneben eine Stopfnadel mit Wollfaden.
Eine Stopfstelle an einem grauen Strickärmel in Nahaufnahme, daneben eine Stopfnadel mit Wollfaden.Foto: Arne Sittler
Ein aufgeklappter Nähkasten auf einem Küchentisch am Abend, daneben ein Hemd mit einer sichtbaren Reparatur am Ärmel.
Ein aufgeklappter Nähkasten auf einem Küchentisch am Abend, daneben ein Hemd mit einer sichtbaren Reparatur am Ärmel.Foto: Lene Brandhoff

Quellen und Nachweise

  • Die Rolle der Langlebigkeit und der Nutzungsdauer für einen nachhaltigen Umgang mit BekleidungUmweltbundesamt. Stand: Texte 112/2022, Oktober 2022. Abgerufen am 12.08.2026.Forschungsbericht, der Definitionen von Langlebigkeit sammelt und Einflüsse auf die Nutzungsdauer beschreibt. Belegt nicht, dass jede Reparatur ökologisch vorteilhaft ist.
  • Nachhaltige Bekleidung: Mehr Fokus auf eine lange NutzungUmweltbundesamt. Stand: 11. November 2022. Abgerufen am 12.08.2026.Einordnung der Studie mit dem Hinweis, dass Qualität und Langlebigkeit nicht einheitlich definiert sind und Siegel keine Aussage über die Haltbarkeit treffen. Enthält Handlungsempfehlungen, keine Messwerte zu einzelnen Kleidungsstücken.
  • TextilkennzeichnungLandesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz Nordrhein-Westfalen. Abgerufen am 12.08.2026.Erklärt die Pflicht zur Faserangabe, die Freiwilligkeit der Pflegehinweise in Deutschland und die Lizenzvergabe für die geschützten Pflegesymbole über GINETEX.