Mein Küchenstuhl hat sieben Euro gekostet und einen Abend Arbeit. Ich habe ihn auf einem Flohmarkt in Neukölln gekauft, mit durchgesessenem Rohrgeflecht und einem Stück Fahrradschlauch um das linke Hinterbein. Zu Hause habe ich die Sitzfläche abgeschraubt und das Geflecht erneuert. Dabei habe ich gesehen, woraus das Möbel besteht: aus zwei gebogenen Seitenteilen, einem runden Sitzrahmen, der Rückenlehne und ein paar Schrauben. Mehr nicht. Ein Stuhl, der so gebaut ist, lässt sich nachziehen, austauschen und reparieren.

Wer über diesen Stuhl schreibt, schreibt über eine Firma, und die Firma erzählt ihre Geschichte selbst. Ich benutze deshalb unabhängige Biografien und Museumsdatensätze, die Angaben des Herstellers, klar als solche gekennzeichnet, und meinen eigenen Stuhl. Wo die Quellen sich widersprechen, schreibe ich beide Stände hin. Der Widerspruch gehört zur Designgeschichte, weil er zeigt, wie sie entsteht.

Boppard, bevor Wien kam

Michael Thonet wurde am 2. Juli 1796 in Boppard am Rhein geboren und starb am 3. März 1871 in Wien. 1819 machte er sich in seinem Heimatort als Bau- und Möbeltischler selbstständig. Um 1830 begann er mit Versuchen an Möbelteilen aus verleimten Holzlatten, und 1836 folgte das Verfahren, das man heute Bugholz nennt: Holz wurde im Leimbad gekocht, in Schichten verleimt und in eine Form gebogen. Das Victoria and Albert Museum in London besitzt einen Stuhl aus dieser Bopparder Zeit, entstanden zwischen 1836 und 1840, mit furniertem Nussbaumrahmen und Rohrsitz. Er wiegt 2,1 Kilogramm. Leichter als geschnitztes Massivholz, billiger herzustellen, und genau darum ging es.

Nur beim Patent gehen die Angaben auseinander. Das Museum schreibt, Thonet habe das Verfahren 1840 in Preußen patentiert. Die Neue Deutsche Biographie schreibt, die preußische Anmeldung sei 1840 gescheitert und das Verfahren 1841 in Frankreich patentiert worden. Beide Angaben stehen in seriösen Quellen. Ich lasse sie nebeneinander stehen, weil Designgeschichte oft so aussieht: ein Datum, zwei Zuständigkeiten, keine letzte Instanz.

1841 kam Thonet auf einer Gewerbeausstellung in Koblenz mit dem österreichischen Staatskanzler Metternich in Kontakt, 1842 stellte er seine Stühle dem Kaiserhaus vor und erhielt das Privileg für das Holzbiegen. Im selben Jahr zog er mit seiner Familie nach Wien. Die Unternehmenschronik erzählt diese Jahre als Überzeugungskunst eines Staatskanzlers und als Beginn einer großen Erfolgsgeschichte. Die Neue Deutsche Biographie nennt zusätzlich, was in einer Erfolgsgeschichte selten vorkommt: Die Bopparder Werkstatt hatte 20 bis 25 Beschäftigte und stand finanziell schlecht da. In Wien durfte Thonet zunächst keine eigene Werkstatt eröffnen. Er arbeitete für den Möbelfabrikanten Clemens List und danach für die Parkettwerkstatt Carl Leistlers, bevor er 1849 eine eigene Werkstatt gründete.

Mehrere Stühle mit gebogenem Holz stehen an einem langen Kaffeehaustisch; das Licht fällt auf das Rohrgeflecht der Sitzflächen.
Mehrere Stühle mit gebogenem Holz stehen an einem langen Kaffeehaustisch; das Licht fällt auf das Rohrgeflecht der Sitzflächen.Foto: Ines Kaltwasser

Ein Stuhl, der zerlegt reist

1850 lieferte Thonet einen Sessel an den Fürsten Schwarzenberg, 1851 wurde das Wiener Kaffeehaus Daum mit dem Sessel Nr. 4 eingerichtet, der zum Wiener Kaffeehausstuhl wurde. Auch hier weichen die Datierungen ab: Die Firmenchronik lässt die Bekanntheit des Modells „von 1850 an“ beginnen, die Neue Deutsche Biographie nennt 1851. 1853 bestimmte Thonet seine Söhne per Gesellschaftsvertrag zu künftigen Inhabern der Firma Gebrüder Thonet, 1855 erlangte das Unternehmen den Fabrikstatus, damals mit etwa 70 Beschäftigten. 1856 entstand die erste Möbelfabrik in Koritschan in Südmähren, in einer waldreichen Gegend, weil dort die Buche wuchs, aus der die Stühle gebogen wurden.

1859 gelang mit dem Stuhl Nr. 14, dem heutigen Modell 214, der Schritt, der diese Geschichte erklärt. Der Stuhl bestand aus gebogenem massivem Buchenholz und aus wenigen Teilen, die sich in standardisierten Arbeitsschritten fertigen ließen. Man konnte ihn zerlegen, platzsparend verpacken und beim Kunden wieder zusammenschrauben; die Firmenchronik spricht von einem Baukastensystem, dessen Komponenten arbeitsteilig produziert und nach Bedarf kombiniert wurden. Das Victoria and Albert Museum ordnet die seriell hergestellten Bugholzmöbel vor allem Restaurants, Cafés und Hotels zu.

Nahaufnahme der Unterseite eines Sitzrahmens: ein runder Holzrahmen, Schrauben und der Rand eines geflochtenen Sitzes.
Nahaufnahme der Unterseite eines Sitzrahmens: ein runder Holzrahmen, Schrauben und der Rand eines geflochtenen Sitzes.Foto: Arne Sittler
Nicht der Entwurf war die Sensation, sondern dass sich derselbe Stuhl in großen Stückzahlen herstellen, verschiffen und vor Ort wieder zusammensetzen ließ.

Das ist der Punkt, an dem aus einer Werkstatt eine Industrie wurde. Als Thonet 1871 starb, hatte Gebrüder Thonet nach Angaben der Neuen Deutschen Biographie etwa 4000 Beschäftigte, 18 Filialen und vier Produktionsstätten in Koritschan, Bistritz, Groß-Ugrócz und Halenkov.

Für das Kaffeehaus war der Stuhl ideal: leicht, stapelbar, robust und in Serie ersetzbar. Um 1890, schreibt die Firmenchronik, waren Thonet-Bugholzstühle in der Wiener Gastronomie weit verbreitet; im Café Griensteidl saßen Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler auf Modell Nr. 4. Für 1929 nennt dieselbe Chronik, unter Verweis auf einen Artikel der Werkbundzeitschrift „Die Form“, eine durchschnittliche Tagesproduktion von 18.000 Stühlen. Diese Zahl stammt aus der Unternehmensdarstellung und ist nicht unabhängig nachgerechnet. Wer sie nachlesen will, findet sie in Thonets eigener Unternehmenschronik. Sie ist die Darstellung des Herstellers über sich selbst, keine unabhängige Prüfung. Eine Kooperation oder Bezahlung zwischen dieser Redaktion und dem Unternehmen gibt es nicht.

Nach dem Kaffeehaus

Siebzig Jahre nach dem Stuhl Nr. 14 begann Marcel Breuer mit Möbeln aus Stahlrohr. Thonet übernahm die von Breuer mitgegründete Firma Standard Möbel und fertigte seine Entwürfe ab 1930; die Modelle S 32 und S 64 gehören heute zu den bekannten Stücken der Designgeschichte. Auch das steht in der Firmenchronik, und auch hier gilt: Es ist die Erzählung des Herstellers. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor das Unternehmen seine Werke in Osteuropa, das Werk in Frankenberg an der Eder wurde bis 1953 wieder aufgebaut und ist bis heute Sitz der Thonet GmbH. Die Stahlrohrproduktion ließ sich maschinell formen; das Bugholz blieb arbeitsintensiv. Ein Material, das sich biegen lässt, ist nicht dasselbe wie ein Material, das sich rechnen lässt.

An meinem Sieben-Euro-Stuhl lässt sich die ganze Geschichte ohne Museum überprüfen. Der runde Sitzrahmen ist von unten verschraubt, also lässt er sich nachziehen, wenn der Stuhl wackelt. Das Rohrgeflecht ist ein Verschleißteil und wird nach Jahren brüchig; es zu erneuern ist eine Arbeit von einem Abend. Wo Hinterbein und Rückenlehne aus einem Stück gebogen sind, trägt die Lehne; ein eingeleimtes Zwischenstück verrät eine Reparatur, und die muss nicht schlecht sein. Was ich an alten Bugholzstühlen am meisten mag, ist die ungleichmäßige Oberfläche. Ein Stuhl, der jahrzehntelang in einem Café ein- und ausgerückt wurde, sieht das an den Kanten. Eine gleichmäßige Politur ist eher ein Hinweis darauf, dass man eine Rekonstruktion vor sich hat und keinen Gebrauchsgegenstand.

Möbel haben keine Provenienz im rechtlichen Sinn, aber sie haben eine Herkunft. Wer einen Stuhl ohne Angaben kauft, weiß nicht, aus welchem Haus er kommt. Warum Herkunft und Erwerbsgeschichte zu einem Objekt gehören, ist bei Kunstwerken eine ausgewachsene Fachdebatte; bei Möbeln fängt sie gerade erst an. Und der Stuhl braucht wenig Erklärung. Ein Wandtext, der einem Bugholzstuhl seine Modernität nachweist, nimmt einem die einzige Frage weg, die zählt: Trägt er noch? Wie viel Erklärung ein Objekt verträgt, habe ich in der Vermittlungsarbeit gelernt, und die Antwort war selten ein längerer Text.

Möbel, die sich zerlegen lassen, lassen sich auch behalten. Wie ein Zimmer durch Gebrauch entsteht und nicht durch den nächsten Einkauf, ist die praktische Seite derselben Konstruktion. Am Ende steht der Stuhl ohnehin dort, wo er gebraucht wird: am Tisch. Was einen Essplatz über viele Abende trägt, entscheidet sich weniger am Stuhl als an der Runde, die daran sitzt.

Mein Stuhl steht in der Küche, das Hinterbein hat keinen Fahrradschlauch mehr, das Geflecht ist neu. Wenn Besuch kommt, zieht ihn irgendwann jemand nach, und dann hört man die Schrauben arbeiten. Es ist ein leises Geräusch. Ein Entwurf, der es aushält, hat mehr Zukunft als einer, der nur gut aussieht.

Quellen und Nachweise

  • Thonet: UnternehmensgeschichteThonet GmbH. Abgerufen am 14.09.2026.Primärquelle für die Selbstdarstellung des Unternehmens: Boppard 1819, Umzug nach Wien, Kaffeehausaufträge, Baukastensystem, Stahlrohr ab 1930, Werk Frankenberg. Keine unabhängige Bestätigung für Superlative, Umweltvorteile oder aktuelle Produktqualität; die genannte Tagesproduktion von 18.000 Stühlen stützt sich auf einen Zeitschriftenartikel von 1929.
  • Deutsche Biographie: Thonet, Michael (Neue Deutsche Biographie 26, 2016)Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Abgerufen am 14.09.2026.Unabhängiger biografischer Artikel von Jana Geršlová. Belegt unter anderem Boppard 1819, die Versuche mit Schichtholz ab 1830, das Biegen leimgekochten Holzes 1836, die gescheiterte preußische Anmeldung 1840, das französische Patent 1841, die finanziellen Schwierigkeiten der Bopparder Werkstatt, den Stuhl Nr. 14 von 1859 und den Firmenstand von 1871.
  • Victoria and Albert Museum: Chair of laminated bentwood, W.5-1976Victoria and Albert Museum, London. Abgerufen am 14.09.2026.Sammlungsdatensatz zu einem Stuhl aus den Jahren 1836 bis 1840, Entwurf Michael Thonet, Ausführung wahrscheinlich Peter Mündnich. Beschreibt das Kochen in Leim und das Biegen in einer Metallform, das Gewicht von 2,1 Kilogramm und die spätere Serienfertigung aus massivem Bugholz vor allem für Restaurants, Cafés und Hotels. Datierung des Patents abweichend zur Neuen Deutschen Biographie.
  • Wien Geschichte Wiki: Michael ThonetStadt Wien (Wienbibliothek im Rathaus). Abgerufen am 14.09.2026.Personeneintrag der Stadt Wien auf Grundlage des Historischen Lexikons Wien. Belegt die Lebensdaten 2. Juli 1796 bis 3. März 1871, Geburtsort Boppard, Sterbeort Wien und die Londoner Weltausstellungsmedaille von 1851. Keine Angaben zur Werkstattgeschichte.