Ich bin in Göttingen aufgewachsen, in einem Haus, in dem im Erdgeschoss eine Schreinerei war. Mein Vater hat Türen gebaut, bevor ich lesen konnte, und ich habe jahrelang geglaubt, dass jedes Möbelstück eine Rückseite hat, die genauso sorgfältig ist wie die Vorderseite. Später habe ich gelernt, dass das eine brauchbare Frage für fast alles ist. Man dreht einen Gegenstand um und sieht nach, wie er gemacht wurde. Bei einem Stuhl funktioniert das. Bei einer Behandlung nicht immer, aber die Frage bleibt gültig.
Mit achtzehn habe ich eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger an der Universitätsmedizin begonnen, weil ich einen Beruf wollte, in dem man am Ende der Schicht weiß, was man getan hat. Ich habe vier Jahre auf einer chirurgischen Station gearbeitet, danach zwei Jahre in der onkologischen Ambulanz. Was ich dort gesehen habe, hat mich weniger an der Medizin zweifeln lassen als an der Art, wie über sie gesprochen wird. Ein Aufklärungsgespräch von elf Minuten für einen Eingriff, der die nächsten fünf Jahre bestimmt. Ein Prospekt für eine Selbstzahlerleistung, in dem das Wort Nutzen nicht vorkam. Eine Entlassung am Freitagnachmittag mit einem Zettel, auf dem drei Nummern standen, von denen zwei nicht erreichbar waren.
Danach habe ich in Hamburg Soziologie und Wissenschaftsjournalismus studiert und nebenher für eine Patientenzeitung geschrieben. Die Patientenzeitung war die beste Schule. Man kann einer Person, die gerade eine Diagnose bekommen hat, nichts vormachen, und man kann sie auch nicht mit einem Absatz über Studienlage abspeisen. Ich habe dort gelernt, Unsicherheit auszusprechen, statt sie zu überspielen. „Das wissen wir nicht genau“ ist ein vollständiger Satz.
Heute schreibe ich für Schmidt und Römhild über Versorgung, Vorsorge, Entscheidungen und Nachsorge. Ich lese dafür Leitlinien, Bewertungen des IGeL-Monitors, Gesundheitsinformationen des IQWiG und Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses. Ich zitiere keine Klinikbroschüre, wenn ich eine Wirksamkeit behaupte. Ich trenne einen gesetzlichen Anspruch von einem medizinischen Effekt, weil das zwei verschiedene Dinge sind und die Verwechslung teuer wird.
Das zweite Thema in meiner Arbeit war nie weit weg. Räume. Ich habe 2019 mit meiner Familie eine Altbauwohnung in der Leipziger Südvorstadt bezogen und zwei Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass ein Zimmer nicht durch Möbel entsteht, sondern durch Licht, Wege und die Stelle, an der man morgens als Erstes steht. Unsere Küche hat einen zu langen Tisch für den Raum. Wir behalten ihn.
In der Redaktion bin ich derjenige, der bei einem Satz über Wirkung nach der Quelle fragt und bei einem Satz über Qualität nach dem Kriterium. Das ist keine Skepsis gegenüber schönen Dingen. Es ist die einzige Methode, die ich kenne, um sie ernst zu nehmen.
Für Schmidt und Römhild schreibe ich außerdem die Beiträge, bei denen ein medizinischer Sachverhalt und ein Wohnsachverhalt dieselbe Frage berühren, etwa bei der Innenraumluft. Für konkrete Beschwerden verweise ich auf das Behandlungsteam. Das ist keine Bescheidenheit, sondern der richtige Weg.